Die Wasser-Tradition

Obwohl im Taijiquan sowohl Feuer- als auch Wasser-Praktiken zur inneren Kraftentwicklung (neidan) genutzt werden, so ist die Seele des Taijiquan die Wasser-Tradition. Denn voran allen Dingen bildet die Entspannung das Zentrum aller inneren Schulen des Taijiquan. Der zweite Schwerpunkt ist das Gewahrsein und die Ausweitung einer stetig feineren Wahrnehmung, dessen was ist:

• die Kunst der richtigen Entspannung
• eine wachsende Wahrnehmung und erhöhte Sensitivität

Die Inneren Prinzipien des Taijiquan sind ein gutes Beispiel für den Weg zu einer immer feineren Wahrnehmung und wie man körperlich und geistig zur rechten Entspannung findet. Gegenüber den komplexen Techniken und Visualisierungen der taoistischen Feuer-Tradition, beginnt der Freund der Wasser-Linie erst einmal mit so etwas Simplen, wie dem einfachen Spüren des Atems. Er vertieft diese Wahrnehmung step by step, bis sie im Bauch angelangt ist. Ist dies vollbracht, versucht man die Ausbreitung des Atems im ganzen Körper wahrzunehmen und auch den Chi-Körper mit einzubeziehen. Diese Form der Atmung nennen die Chinesen: bis zu den Füßen Atmen.

Während die taoistische Feuer-Tradition gern der Wahrnehmung vorgreift, indem sie etwas mit dem Willen und der Vorstellungskraft erzeugt, versucht der Wasser-Weg, die Sinne zu schärfen für die Dinge, die da sind: wie z.B. die immer feinere Wahrnehmung der Atmung, des Gleichgewichtsinns und des Bewußtseins*. Auf diese Weise entwickelt man in der Wasser-Tradition ein Gefühl für die ersten Energiebewegungen der Ausdehnung und des Zusammenziehens, des Sinkens und Steigens. Darauf aufbauend, entsteht ein energetisches Bauchgefühl, das allen Bewegungen im Taijiquan zugrundeliegt.

Das Wasser wird seinen Weg finden.

Sich Zeit zu nehmen oder zu geben. Es geschehen zu lassen, in der Gewissheit, dass die Dinge, die passieren sollen zur rechten Zeit passieren werden, ist ein besonderes Merkmal der Wasser-Tradition. Geduld und vor allem Entspannung sind seine Kernpunkte. Ein energetisches Grundgesetz dieser Philosophie ist: Gleiches zieht Gleiches an. Wer freundlich ist wird Freundlichkeit ernten, wer Energie hat zieht Energie an, wer richtig handelt, dem wird das Rechte wiederfahren. Da man von Beginn an an dieser Kernessenz teilnimmt, erfüllt sich das Hauptmotto des Wasser-Weges: Der Weg ist das Ziel.

Dennoch, auch in der taoistischen Wasser-Tradition, besonders bei Schülern, die gleichzeitig Taijiquan üben, bedient man sich gerne zusätzlich gewisser Feuer-Techniken. Dafür sind die Chinesen dann doch zu pragmatisch und zielbewußt. Und man wäre einfach dumm, würde man die Augen nicht offen halten und die Angebote, die uns die Welt bietet, nicht nutzen.

Den Wasser-Weg könnte man als unformell und menschlich bezeichnen. Die Lehrer-Schüler-Beziehungen sind eher respektvoll-freundschaftlich als hierarchisch militärisch. Allerdings sieht der taoistische Weg niemals vor, emotionale oder sonstige Abhängigkeiten zu schaffen. Weder wird verhätschelt, noch streng diktiert. Der wahre Meister ruft nicht zum blinden Gehorsam auf. Ihm ist in jeder Hinsicht an der Authentizität eines selbstbewußten Individuums gelegen.

Jegliche Beziehung muss frei sein von Anhaftungen. Diese Grundeinstellung liegt im Begriff des Wu-Wei, des «Nicht-Handelns» tief im Taoismus verborgen. Auch dieser Begriff kann leicht mißverstanden werden. Im Westen würde man ihn als gewaltloses Handeln beschreiben. Aber mit Wu-Wei ist so viel mehr gemeint. Er beschreibt ein Handeln ohne Eingriff in die natürliche Ordnung und gründet sich auf einer tiefen Erfahrung oder Teilnahme an der Schönheit der Natur. Das Nicht-Handeln ist die logische Konsequenz, wenn man um die inneren Zusammenhänge weiss. Im Leben vieler Taoisten gab es eine Zeit des Rückzuges. In Einsamkeit lebend und inmitten der Natur drangen die Taoisten in den natürlichen Fluss aller Dinge ein, bis sie zu einem Teil dieses natürlichen Ursprungs wurden. Die Tiere erkannten sie nicht mehr als Eindringlinge und selbst der ängstlichste Spatz nahm Platz auf deren Schultern. Der aus diesem Zustand erwachsene innere Frieden und liebevolle Kontakt zu allem, schützte Sie vor allen Gefahren und vereinigte sie mit den Dingen um sie herum.

Der Vervollkommnungsprozeß der Traditionen im spirituellen Taoismus:

In der Feuer-Linie ist es eine aktive und bewußte Umwandlung: alle negativen Energien - Emotionen und Gedanken - werden in positive transzendiert. Der Abschluß bildet die Schaffung des Lichtkörpers, in den das Bewußtsein übertragen wird und nach dem Tode weiter existiert.

In der Wasser-Linie ist es der sogenannte Auflösungsprozeß, der alle Ebenen des Seins befreit. Im Zentrum steht wieder die Wahrnehmung. Die direkte fühlbare Konfrontation mit allen bindenden oder eingeschlossenen Traumata, ihrer Bewußtwerdung und vollständigen Durchlebung führt den Adepten Schritt für Schritt zu seiner «Auflösung».

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