Der Yang-Stil

Innerhalb des Taijiquan sind alle Stile miteinander verwandt, sind sie doch nacheinander aus sich erwachsen. Zwar hat jeder Stil seine spezifische Prägung, die inneren Prinzipien teilen sie jedoch alle. So überwiegen die Gemeinsamkeiten der Stile bei weiten über ihre Unterschiede. Oft werden sogar die einzelnen Folgen stilübergreifend mit den selben Namen benannt. So sind es die Menschen, die zählen und nicht der Stil, den Sie praktizieren. Aus diesem Grund sehe ich inzwischen das Taijiquan als eine Schule und differenziere einen einzelnen Stil lediglich bei Notwendigkeit. Bitte behalten Sie im Gedächnis, das der Yang-Stil hier oft stellvertretend für die Familie des Taijiquan als Ganzes steht.

Der Yang-Stil gehört zu einer Reihe von Stilen des Taijiquan der sogenannten inneren Schule:

 
   • Kampfkunst der äußeren Schule (Wai-jia-quan): Shaolin-Kungfu u.a.
     
Ba-Gua-Zhang
   • Kampkunst der inneren Schule (Nei-jia-quan):    —> Xing-Yi-Quan Chen-Stil
Taj-Ji-Quan     —> Yang-Stil
Wu-Stil
Sun-Stil u.a.

Anstelle innerer und äußerer Schule könnte man sie auch als weiche und harte Schulen bezeichnen. Die harte Schule ist ein Ausdruck höchster Körperbeherrschung, in dem die Maximierung von Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Abhärtung und eine Spezialisierung bestimmter Techniken im Vordergrund steht. Die Meister dieser Schule sind wahre Athleten und oft imponierende Erscheinungen.
Den Meistern der weichen Schule sieht man ihr Können nicht unbedingt an. Je nach Charakter können sie sehr unauffällig sein, besonders wenn sie es wollen. Sie haben weiche und sanfte Hände. Äußerlich hat ihr jahrelanges Training keine Spuren hinterlassen. Innerlich strahlen sie jedoch von Energie, denn ihr Training widmete sich vorrangig der Weichheit und Elastizität des Körpers und vor allem der inneren Chi-Kraft (neidan).

Im Endpunkt der höchsten Fertigkeit treffen sich jedoch beide Schulen. Die größten Meister beider Schulen werden Meister in beiden Klassen. Denn in der Meisterschaft fließen Bewegung und Energie stets zusammen, weil Chi eine Realität ist, so wie der Körper. Der Äußere dringt zum Kern des inneren Chi vor und der innere Meister überwindet jegliche Art äußerer Interaktion. Beide beeindrucken durch ein überwältigendes Bewußtsein von Wachheit, Reinheit und Klarheit gegenüber dem Leben und seiner Realität.


Von allen Stilen ist der Yang-Stil einer der Weichesten und Ausgeglichensten.

Wie bei allen Stilen des Taijiquan liegt auch sein Ursprungsort im Dorf Chenjiagou in der Provinz Henan. Ein an sich unbedeutendes Dorf, mit der Ausnahme, dass sich dort Ende des 17ten Jh. das Taijiquan wie der Phönix aus der Asche erhob. Mit dem Chen-Stil angefangen übten sich dort viele große Meister der innere Schule und tauschten sich aus. So entstanden aus dem Hause Chen, der damaligen Hochburg des Taijiquan, viele Stile u. a. der Yang-Stil.

Der Begründer des Yang-Stils ist Yang Luchan (1799-1872). Man sagt, angetrieben von dem Wunsch Taijiquan zu erlernen, ließ er sich im Hause der Chen-Familie als Gehilfe anstellen. Heimlich beobachtete er das Training und übte in der Stille, bis er eines Tages vom Meister Chen Chang Xing (1771-1853) dabei erwischt wurde. Beeindruckt von seinem Können, nahm er ihn als Schüler an. Er wurde zu einem der größten Meister seiner Zeit.

Luchans Kenntnisse über das Chi waren außergewöhnlich und so setzte er das Chi ins Zentrum aller Bewegungen. Auch erkannte er zunehmend den gesundheitsfördernden Aspekt des Taijiquan. Gegenüber dem Chen-Stil verzichtete er im Yang-Stil auf Sprünge, Tempowechsel und komplizierte Gesten und verlegte zunehmend den Schwerpunkt auf die Kraft des Chi und seine Kultivierung. In diesem Zusammenhang blieben lediglich die Chi-Explosionen (Fa-Jing) enthalten.

Im Laufe der Zeit erfuhr der Yang-Stil viele Modifikationen. Vor allem Yang Chengfu (1883-1936), Vertreter der 3. Generation des Yang-Stils, gab ihm seine heutige Gestalt. Er öffnete den Yang-Stil, denn bis dahin wurden alle Stile stets als Familiengeheimnisse behütet. Chengfu war ein freundlicher, warmherziger und intelligenter Mensch. Letztlich ist es allein ihm zu verdanken, das sich beginnend mit dem Yang-Stil, das Taijiquan der Welt öffnete.

Heute gilt der Yang-Stil als ein Synonym für gesundheitliches Training. An dieser Stelle möchte ich auch gerne auf den Sun-Stil hinweisen, deren Begründer Sun Lutang (1861-1933) und seiner Halter über alle Maßen bekannt sind für ihre Tugend und Selbstlosigkeit.

Da die inneren Kampfkünste ein großes Potential zu spiritueller Transformation besitzen, ist es sehr wichtig sowohl die Aspekte der Kampfkunst, als auch die taoistischen Künste zu vermitteln. Obwohl Sun Lutang ein hervorragender Kämpfer gewesen sein soll, stand auch bei ihm die Erhaltung der Gesundheit und darüber hinaus die geistige Reife seiner Schüler im Vordergrund. Er propagierte die Einheit von Kampfkunst und Taoismus. Der Schwerpunkt in der Sun-Familie liegt bei den gesundheitlichen und charakterbildenen Aspekten der Kampfkunst. Schüler, die ausschließlich kämpfen lernen wollten, lehnten sie stets ab. Wenn Sun Lutang gefragt wurde, was das Geheimnis der "inneren" Kampfkünste sei, soll er geantwortet haben: "Harte Arbeit".

Der Sun-Stil ist ein gutes Beispiel wie ein Stil von dem Menschen, der ihn hervorgebracht hat, geprägt ist. Wie kein anderer Stil verbindet er Elemente des Qigong des Herzens mit dem Taijiquan. Diese Tatsache macht den Sun-Stil ebenso zu einem herausragenden gesundheitsfördernden Stil.

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