Die Formen

Die Form nimmt die zentrale Stellung im Taijiqaun ein.

Eine Form ist eine Aneinanderreihung von Bewegungsabläufen. Sie besteht aus vorgegebenen Folgen von Einzeltechniken wie die Peitsche, Wolkenhände oder Kniestreifen etc., die wie Perlen auf einer Schnur aneinander gereiht sind. Während des Ablaufens der Form stellt sich der Übende imaginäre Angriffe vor, auf die er entsprechend reagiert. Auf diese Weise werden die Bewegungsabläufe im Taijiquan verinnerlicht und perfektioniert. Da es keinen realen Gegner gibt und der Übende im wahrsten Sinne mit sich selber kämpft, gab man dem Taijiquan zu Recht den Namen Schattenboxen.

Jeder Stil im Taijiquan besitzt eine zentrale Langform, von der oft kürzere Varianten abgeleitet sind. Daneben gibt es eine Vielzahl von Waffenformen, wie Schwert, Säbel, Speer u.a. Die zentrale "leere Hand" bzw. waffenlose Form beläuft sich zumeist auf ca. 30 Minuten.

Den „groben“ Ablauf einer Form zu erlernen geht relativ schnell, gemessen an der Zeit, die benötigt wird, um die darin enthaltenen inneren Prinzipien zu verwirklichen, was je nach Übungspensum ein ganzes Leben andauern kann. Leider beschränken sich viele auf das Sammeln von Formen, anstelle auf ihrer Verfeinerung. Ohne die Liebe zum Detail hat das oft zur Folge, dass sobald die Formen ausgehen, das Interesse am Taijiquan verloren geht, weil eine gewisse Tiefe nie erreicht wurde.
Im Grunde fängt das Üben erst nach dem Erlernen einer Form an.

Eine Form kann und muß auf unterschiedliche Art und Weise ausgeführt werden:
• entspannt, mit hohen Ständen, wenn es sich um die Verfeinerung des Chi dreht
• tief und langsam zur Stärkung, wenn das Chi gefestigt und aufgebaut werden soll
• schnell, um Weichheit, Fluß und Gewandtheit zu prüfen etc.

Jedes innere Prinzip, jede Energie-Qualität, kann den Fokus und den Ausdruck der Form verschieben. Die Form ist ein Übungswerkzeug, daher sollte Sie alles andere als langweilig werden. Ganz im Gegenteil, sobald ein bestimmtes Niveau erreicht ist und Energie fühlbar wird, bringt sie dem Praktizierenden ein höchstes Maß an Freude und Erfüllung. Er kommt damit in den Genuß, sein Chi bewußt zu mehren und zu kultivieren.

Der bekannte Meister Cheng Man-Ching brachte es in seinem Buch „Die Dreizehn Kapitel zu Tai Chi Chuan“ folgendermaßen zum Ausdruck: «Das ist das Ergebnis meiner zwanzigjährigen Erfahrung. Es läßt sich nur schwer in Worte fassen. Auch wenn Korb und Wasserflasche oft leer sind, es wenig zu essen gibt und viele Sorgen auftauchen: Warum sollte uns das beunruhigen? Für das Leben ist die Pflege des Chi das Wesentliche. Ohne Bemühen und Beharrlichkeit sind diese Worte kaum in die Praxis umsetzbar.»

Tatsächlich bedarf eine Form ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Klarheit. Diese beharrliche und äußerste Intensität schult den Geist und bringt die richtige Art der Entspannung hervor, die die Chinesen als «Fang Song» bezeichnen. Dabei handelt es sich um einen ausgeglichenen Zustand von Yin und Yang oder Ruhe und Aktivität.

Ein wesentliches Geheimnis des Übens der Form ist, dass sie nur in zweiter Linie zum Einüben von Kampftechniken gelaufen wird, sondern in erster Linie zum Aufbauen des Chi. Das Chi ist der zentrale Kern des Taiji. Ohne das Wissen und die Erfahrung um die Lebensenergie Chi ist es weder Taijiquan - eine innere Kunst, noch als Kampfkunst anwendbar. Es wäre nicht einmal eine Praxis des Qigong im weitesten Sinne. Inneres Taijiquan endet deshalb nicht damit, eine Form zu erlernen, sondern es ist der Anfang des eigentlichen Trainings.

Für die Chinesen ist das Chi ein äußerst wertvolles Gut, weil dessen Aufbau sehr viel Zeit und wie sie es nennen «Beharrlichkeit» in Anspruch nimmt. Im Gegensatz dazu kann es einem im Alltag sehr leicht aus den Händen rinnen. Es wird immer schlechte und gute Tage geben, der Trick ist, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Es heißt, wer die Form einmal täglich wiederholt, verlernt sie nicht. Wer sie zweimal täglich übt, kann zur völligen Beherrschung gelangen. Wenn man sie dreimal täglich ohne Unterlass praktiziert, kann man sein inneres Können und seine Chi-Fertigkeit steigern.

Es verwundert nicht, dass der älteste Sohn von Yang Chengfu Yang Shou-Chung als Grundlage die Lange-Form 30x täglich ausführen mußte, was viele Stunden erforderte. Dies gewährleistete die Weitergabe der "Kunst" an die nächste Generation.

Die Praxis selbst ist der Schlüssel. Es ist das tägliche Üben, dass das Chi stetig wachsen lässt.

Zum Erstaunen vieler ist es meiner Meinung nach keine Sache der Vorliebe, um welchen inneren Stil oder Form es sich dabei handelt. Wichtig ist die Tiefe und die Hingabe, die übermittelt wird.


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